Appalachian-Trail: Eisige Kälte im Smoky Mountains Nationalpark

Stefan Ungerer, der Mann unserer Kollegin Chris, will den 3.500 Kilometer langen Appalachian-Trail in den USA ganz alleine bezwingen. Doch so allein ist er gar nicht. Unterwegs findet er Wanderer, mit denen er sich zusammenschließt. In diesem Beitrag berichtet Stefan von seinen Erlebnissen im Smoky Mountains Nationalpark: von seinem Weg auf den höchsten Berg der Appalachen und von der eisigen Kälte, mit der er schwer zu kämpfen hatte.

In den Smoky Mountains war ich mit Jessen und Little Horse (das ist der Trailname eines Chinesen, der Stefan begleitet) unterwegs. Dort hatte Jessen zum allerersten Mal in seinem Leben Schnee gesehen. Nachdem wir unsere Anmeldung für den Nationalpark in den Briefkasten gesteckt hatten, verabredeten wir uns an der 19 km entfernten Mollies Ridge Shelter, um dort unsere erste Nacht in den Smokys zu verbringen.

Ich ging alleine voraus, kam gut voran und genoss die Sonne und die Ruhe um mich herum. Ich habe über drei Stunden keine Menschenseele gesehen und war nach fünf Stunden an der Shelter. Mir tat das erste Mal seit ich auf dem Trail bin nichts erwähnenswertes weh. Ich hatte schon lange mein Zelt aufgebaut und gegessen, als die beiden anderen eintrafen. Jessen war vom Schnee begeistert und hat unzählige Fotos geschossen. Er erzählte mir immer wieder von seinen Schneebällen – solange, bis ich mich in mein Zelt verzog und dort sofort einschlief.

Am nächsten Morgen das gleiche Szenario: blauer Himmel und Sonnenschein, ich war um 8 Uhr schon startklar. Die beiden anderen ruhten noch in ihrem Zelt, aber ich wollte wieder die morgendliche Ruhe genießen. Einen ganzen Tag lang ging es nur bergauf. Ich wechselte immer wieder die Staatsgrenze zwischen North Carolina und Tennessee, da diese am Kamm der Appalachen entlangläuft.

Es wird kalt in den Smoky Mountains

Es wurde von Stunde zu Stunde kälter, aber die Sonne schien immerhin. Der Wald veränderte sich. Statt inmitten von Laubbäumen befand ich mich plötzlich in einem Wald voller Nadelbäume. Als ich endlich an einen Zeltplatz kam, war es so kalt, dass ich keine Zeit verlor – ich kochte und baute dabei das Zelt auf. Nach dem Essen krabbelte ich sofort in meinen Schlafsack mit der Mütze auf dem Kopf. Morgens um 5 Uhr wachte ich auf und war total durchgefroren. Es hatte deutlich unter 0 Grad Celsius. Ich blieb noch für ca. eine Stunde im Schlafsack, das brachte aber nichts. Mir wurde nicht wärmer und ich musste mich auf den Weg machen, denn es war zusätzlich sehr neblig. So raffte ich in Windeseile alles zusammen und verabschiedete mich von meinen zwei Weggefährten. Die kamen mit der Kälte noch weniger klar als ich.

Ich hatte für mich beschlossen, 30 Kilometer über den höchsten Berg der Appalachen zu laufen: den Clingmans Dome mit 2.025 Metern Höhe. Danach wollte ich von einem Parkplatz aus irgendwie nach Gatlinburg, eine Stadt in Tennessee, kommen, bevor das Wetter noch schlechter wurde. Mit jedem Schritt bergauf hatte ich das Gefühl, es wird kälter und windiger. Ich hatte schon meine ganze Kleidung an, war strammen Schrittes unterwegs – und trotzdem war mir bitter kalt. Der Wind fegte mir nur so um die Ohren, was das Ganze nicht besser machte. Es wurde immer schlimmer.

Noch vor dem Gipfel traf mich fast der Schlag: Mein Wasser in der Flasche war gefroren. Als ich um eine Wegkurve kam, waren Wind und Nebel so stark, dass die Kälte den Nebel an die Bäume gefrieren ließ. Das hatte ich noch nicht einmal in meinen zahlreichen Skiurlauben erlebt. Ich sah zu, dass ich weiter kam, denn ich hatte noch nicht einmal die Hälfte des Weges hinter mir und war schon fünf Stunden unterwegs.

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Vorfreude auf ein armes Zimmer nach eiskaltem 9-Stunden-Marsch

Als es bergab ging, wurde mein Schritt immer schneller, aber mir keineswegs wärmer. Nach neun Stunden war der von mir ersehnte große Parkplatz mit Picknicktischen, Grillplatz und allem was dazugehört in Sicht. Nur Menschen sah ich nicht. Bis auf eine vereinsamte Ford Limousine, bei der plötzlich der Kofferraum und das Fahrerfenster auf ging. Ein alter Mann mich bat einzusteigen. Ich fragte nicht lange nach, sondern packte meinen Rucksack in den Kofferraum und saß auch schon auf dem Beifahrersitz im warmen Auto.

Hinter mir bemerkte ich eine Frau. Sie erklärte mir, dass sie mich von Weitem gesehen und deshalb extra gewartet haben. Ich bedankte mich mehrmals, bis die Frau mich unterbrach und sagte, sie sind auf dem Weg nach Gatlinburg. Das passt super – dachte ich und los ging’s. Unterwegs malte ich mir aus, wie ich die nächsten zwei Nächte in einem warmen Zimmer verbringen würde. 

Doch an der Rezeption angekommen, sagte die Dame, sie hätte nur ein Zimmer für eine Nacht. Die ganze Stadt sei voll wegen irgendeiner Carshow. Ich war sichtlich enttäuscht. Sie bat mir aber an, herumzutelefonieren, ob in der Stadt für den nächsten Tag noch ein Zimmer zu bekommen wäre. Ich hatte Glück und bekam tatsächlich ein Zimmer für eine Nacht.

Gatlinburg – “eine Katastrophe aus gestressten Eltern mit Kindern”

Ganz Gatlinburg ist eine Mischung zwischen Disney World Paris und Europa Park Rust – eine totale Katastrophe aus gestressten Eltern mit Kindern. So hatte ich beschlossen am Abend noch ein riesiges Steak zu essen, am Morgen meine Einkäufe in Foodcity zu erledigen und danach wieder im Wald zu verschwinden.

Foodcity liegt acht Kilometer außerhalb der Stadt und so beschloss ich, nach über 30 Jahren wieder per Anhalter zu fahren, also zu trampen. Mit dem Rucksack auf dem Rücken ging ich zu Fuß los, mit dem Daumen Richtung Supermarkt, vorbei an Geisterbahn und Schießbuden. Nach wenigen Minuten hielt eine Frau an, die schon weit über 60 Jahre alt war. Sie sagte irgendetwas, ich verstand kein Wort, setzte mich aber trotzdem ins Auto und wiederholte, dass ich zu Foodcity möchte. Als sie danach irgendetwas lallte, war’s mir klar – sie hatte einen im Tee! Es ging aber alles gut.

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Der erste Schwarzbär

Nach dem Einkaufen trampte ich noch zwei weitere Male und es verlief alles sehr unspektakulär. Bis ich auf dem Weg zu meinem Ausgangspunkt kurz vor dem Ziel meinen ersten Schwarzbär sah – leider nur aus dem Auto heraus. Ich war sehr beeindruckt, doch ein Foto habe ich keines machen können. Von meinen beiden anderen Weggefährten Jessen und Little Horse hatte ich bis dahin nichts mehr gehört.

Am Abend war ich dann Schon wieder in den Appalachen und doch sehr froh Gatlingburg hinter mir lassen zu können. Ich begann, meine nächsten Etappen zu planen…

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Stefan Ungerer

Stefan Ungerer

Stefan Ungerer, plus Fünfziger, ist gelernter Schreiner und Einrichtungsberater. Er liebt gutes Essen und in der Natur zu sein - ob beim Wandern oder beim Angeln.