Der Weg zum Appalachian-Trail: Startschwierigkeiten und der vermisste Rucksack

Einen knappen Monat ist er nun schon unterwegs: Stefan Ungerer, der Mann von unserer Kollegin Chris, hat sich in den Kopf gesetzt, mit 50 Jahren ganz allein den 3.500 Kilometer langen Appalachian-Trail in den USA zu laufen. Hier auf unserem INTERSPORT Blog berichtet er dir von seiner Reise, seinen Höhen und Tiefen. Und mit den Tiefen ging es auch gleich los. Es ist zwar nichts Schlimmes passiert, aber Stefan hatte Startschwierigkeiten, die es zu überwinden galt.

Dienstag

Alles ist sehr aufregend. Aufregender als erwartet. Die Abflugzeit habe ich mit der Flugdauer verwechselt und so bin ich also direkt zu spät losgekommen. Das geht ja gut los. Außerdem ist es definitiv etwas anderes, ob man für 14 Tage in einem Hotel Urlaub macht oder sein zu Hause für fast 180 Tage verlässt und vorhat durch die Appalachen zu wandern.

Gepäck Stefan Ungerer

Stefans Gepäck

 

Ankunft in New York – dem Ziel 6.300 km näher. Nach der Freude, die Ernüchterung: Die Homeland Security quetscht mich aus wie eine Orange. Warum, wieso so lange, wie viel Geld und so weiter und so fort. “Gehen Sie bitte vor mir her bis ans Ende des Flurs und ‘take a seat’, setzen Sie sich, geben Sie mir bitte Ihre Gepäckscheine.”

“So hatte ich mir all das sicher nicht vorgestellt”

Mittlerweile sitze ich in einen Raum der Homeland-Security mit ca. 30 Ledersesseln, angeordnet und miteinander verbunden wie im Kino. Mit mir im Raum sind zwei Beamte und einer Beamtin der Homeland. Ein riesiger Afroamerikaner kommt in den Raum und bringt meine Tasche, aber nicht meinen Rucksack. Dann werde ich von der Beamtin befragt – wieder das gleiche: warum, wieso, weshalb und noch mehr warum.

Jetzt wird’s mir bald zu bunt und direkt kommt der Gedanke: “Jetzt fliegst du gleich wieder nach Hause”. So hatte ich mir all das sicher nicht vorgestellt.  

Die Beamtin bittet mich zu sich an den Tisch und meine Tasche auf diesen zu stellen, dann zwei Schritte zurückzutreten. Sie beginnt meine wie ein Kokon in Folie eingewickelte Tasche mit einem Messer aufzuschneiden und verteilt den gesamten Inhalt auf dem Tisch, durchsucht alles kleinlichst, zählt die Medikamente, jede einzelne Tablette und notiert sich alles.

Nach einer dreiviertel Stunde sagt sie, ich könne alles wieder einpacken und gehen, doch mein Rucksack fehlt. Der 140 Kilo schwere Afroamerikaner kommt wieder in den Raum mit einem Formular, das wir dann zusammen mit meiner Nachfolgeadresse, Gepäcknummer usw. ausfüllen. Jetzt aber schnell auf den Weg zum Anschlussflug nach Atlanta, wo das Boarding pünktlich auf die Minute beginnt. Kaum zu glauben: Nach sage und schreibe zwei Stunden und zehn Minuten sitze ich tatsächlich im Flugzeug nach Atlanta.

Dort angekommen kann ich das Gepäckband B2 nicht finden bis mir jemand sagt, ich müsste fünf Stationen mit der U-Bahn fahren. Fünf Bahnstationen bis zum Gepäckband! Endlich da: Meine Tasche, wirklich nicht zu übersehen, dreht alleine ihre Kreise auf dem Gepäckband B2. Von meinem Rucksack fehlt jede Spur. Es nützt ja nichts: jetzt muss ich erstmal raus aus dem Flughafen, rein ins Taxi, zum Hotel und nach 25 Stunden Anreise will ich dann nur noch ab ins Bett.

 

Rucksäcke und Wanderausrüstung findest du auf INTERSPORT.de

 

Mittwoch

Ausgeschlafen, gefrühstückt und der Shuttlebus zum Bahnhof ist auch pünktlich da. Ein guter Start in den ersten Tag in den USA. Am Bahnhof steht auch schon der richtige Zug, rein da und ab die Post – läuft doch super heute. Von Marta Train Station zur Endstation North Springs – 45 Minuten. Dann für 20 Minuten in den Bus 143, ins Taxi und wenn alles weiterhin so gut läuft, bin ich um 13.00 Uhr in Dahlonega im Days Inn Hotel. So ist zumindest der Plan…

Der sich natürlich nicht einfach umsetzten lässt: 10.20 Uhr erreiche ich North Springs (im Nirvana), der nächste Bus mit der Nummer 143 fährt nach Auskunft von Jim, dem Fahrer des 141er-Busses, der mich sehr an den 140-Kilo-Mann vom Flughafen erinnert, erst wieder um 14.30 Uhr.

Da steh ich nun – in Eiseskälte und bei starkem Wind – sichtlich enttäuscht, denn Jim winkt mich zu sich und bietet mir an, mich ein paar Stationen bis zum Marriott Hotel mitzunehmen, an dem ich ein Taxi bekommen würde. Nach der Hälfte der Strecke viel mir ein, dass ich gar kein Busticket habe, was mir dann aber auch egal war… und Jim wohl auch.

Im Marriott Hotel: Nach einem kurzen Gespräch mit dem Portier und einem Telefonat, teilte er mir nach Beendigung seines Telefongesprächs mit strahlendem Augen mit, dass Richard, mein Taxifahrer, in fünf Minuten hier sei.

Richard sieht sehr gepflegt aus. Mit Anzug und riesigem Hyundai steht er vor mir. Überaus freundlich nimmt mir gleich die Tasche ab. Ab in den Hyundai und nach einer 45-minütigen Autofahrt, erreiche ich endlich in mein Hotel in Dahlonega, Georgia. Dort dusche ich noch, gönne mir ein schnelles Abendessen bei McDonalds und kaufe das Nötigste ein. Später im Bett fangen meine Gedanken an, zu kreisen: “Kommt mein Rucksack, was muss ich noch kaufen, was kann ich vorausschicken… .”

Appalachian Trail Essen

Verpflegung für sechs Tage

Donnerstag

Nach dem Frühstück checke ich meine E-Mails, aber eine Singapur Airlines finde ich nicht – keine Spur von meinem Rucksack. Ich mache mich nicht verrückt. Heute habe ich sowieso viel zu tun: Ich muss  zur Post, um zu klären, wie das mit den Maildrops und mit der Bouncebox funktioniert.

Mit Maildrops kann man Lebensmittel, mit Bouncebox Ausrüstung versenden, die man erst später auf dem Weg benötigt. Bis zur Entnahme muss man nur einmal Porto bezahlen, ansonsten schickt man sie einfach weiter. Maildrops dagegen müssen entnommen werden.

Dann brauche ich noch Lebensmittel für sieben Tage.

Hoffentlich kann ich morgen los.

Kaum im Hotel angekommen, bekomme ich dann endlich die ersehnte E-Mail: Mein Gepäck kommt Freitag mit FED Ex. So, jetzt geht’s mir besser. Erleichterung macht sich breit. Müde bin ich auch schon wieder.

Freitag

Ich wache auf und freue mich auf meinen Rucksack! Doch dann direkt die Nachricht: “The following shipment has been cancelled by the shippener. ” Ich verstehe nicht, womit ich das verdient habe. Was habe ich getan?! Unglaublich… 

Also kommt mein Rucksack wohl wieder nicht. Ab ans Telefon. Nach gefühlten 100 Anrufen habe ich endlich jemanden am anderen Ende der Leitung. Er merkt wohl, dass ich verärgert bin und verspricht mir, dass der Rucksack bis Samstagmittag bei mir im Hotel eintrifft. Somit ist klar: Ich sitze bis Montag hier fest, da die Post samstags um 12 Uhr schließt.

Auf dem Weg durch Dahlonega sticht mir ein Schild in die Augen. “Bratzeit” steht darauf. Nichts wie hin. Als ich ins Restaurant komme und die ersten Worte sage, war die Antwort “Wo kommschen du her?” – Doris und Gion Giossi, sie Schwäbin, er Schweizer, beide sehr nett und hilfsbereit, betreiben das Restaurant Bratzeit mit klassischer deutscher Küche. Halleluja! Fleischkäse mit Zwiebeln, Spiegelei, Kartoffelsalat und Warsteiner Bier zum Brunch. Doris und Gion bedauern mich aufrichtig, als ich meine Rucksack-Story erzählte und schenken mir beim Gehen zum Trost noch ein T-Shirt.

Bratzeit Stefan Ungerer

Samstag

Halleluja! Der Rucksack ist heute schon da.. Endlich! Bis Montag kann ich trotzdem nicht mehr viel machen. Heute Abend gehe ich auf ein Konzert von EmiSunshine. Sie ist hier eine populäre Country Sängerin und erst 17 Jahre alt. Mittags war ich zum Essen im Crimmsin Mon, wo das Event stattfindet und dort wurde ich auch direkt ausgefragt: Woher ich komme, was ich hier mache. Weil ich alles erzählt habe, wurde ich abends von der Band-Ansagerin sogar persönlich über das Mikrofon begrüßt – als der Deutsche, der den ganzen Weg laufen will. Worauf ca. 120 Leute mir Applaus gaben. Ein toller Abend also! Den Sonntag verbrachte ich dann damit, auf den Montag zu warten. Ich will jetzt endlich loslaufen!

Emi Sunshine

 

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Melanie Melzer
Melanie ist Content Managerin in der INTERSPORT Digital Unit. Ihre große Leidenschaft ist es, die Welt zu bereisen. Genau das hat sie in den vergangenen 2 Jahren auch getan. Über ihre Erlebnisse berichtet sie auf ihrem Blog "travel2eat.de".
  1. Karin Murdock says:

    Wir alle hier in Dahlonega, mit denen Du Kontakt hattest, reden viel von Dir und verfolgen mit grossem Interesse Dein Abenteuer. Wuensche Dir eine positive Trail Erfahrung . Wir freuen uns mit Dir, dass Du Deinen Traum erfuellen kannst. Toi, Toi, Toi.
    Herzlichst, Karin Murdock (geborene Augsburgerin)

  2. Jens-Uwe Wilde says:

    Hallo Stefan,

    den Trail würde ich gern auch mal wandern. Verfolge Dein Abenteur und freue mich auf neue Naachrichten von Dir.
    Wünsche Dir Gesundheit und Glück auf Deinem Weg.

    Gruß Jens

  3. Peter Werger says:

    Hi Stefan,
    freut mich, dass der Anfang geschafft ist. Wenn es so angefangen hat kann es ja nur besser werden:)
    Hoffe die erste Laufwoche läuft für dich..
    Ist da der Anstieg mit drin?
    Wünsche dir alles Gute von der Terrasse Auf der Breit.. bei uns ist es schön warm.
    Freue mich auf deinen nächsten Bericht.
    Grüße
    Peter

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