Kilometer 110 bis Kilometer 265 auf dem Appalachian-Trail: Achtung Bären-Gebiet

Georgia liegt hinter Stefan Ungerer, dem Mann unserer Kollegin Chris. Der erste von 14 Staaten, die er auf dem 3.500 Kilometer langen Appalachian-Trail durchqueren möchte. Mittlerweile hat er auch schon einen Trail-Namen und es gab die ersten großen “Begegnungen”: mit einem Bären und einer Schlange. Ein paar Probleme bleiben ebenfalls nicht aus: Stefan plagen Schulterschmerzen. Warum er die Airline dafür verantwortlich macht, erfährst du in seinem neuesten Bericht.

Stefan Ungerer Appalachian Trail

Tatsächlich bin ich um 10:30 Uhr losgekommen und habe am Nachmittag Georgia und somit den ersten State von 14 hinter mir gelassen. Ab sofort bin ich also in North Carolina unterwegs. Ich habe große Schmerzen in der linken Schulter, der gesamte Muskel ist hart und sticht immer wieder – so als würde irgendjemand mit einem Messer auf mich einstechen. Das verdanke ich wohl meiner Fluggesellschaft, die meinen Rucksack mit drei beschädigten Schnallen nachlieferte. Dadurch sind die Einstellmöglichkeiten sehr eingeschränkt. Aber nichtsdestotrotz bin ich stolz, es durch Georgia geschafft zu haben.

Freitag und Samstag waren Jessen und ich ohne große Vorkommnisse in North Carolina unterwegs. Von Jessen hatte ich in meinem letzten Update berichtet. Am Nachmittag kamen wir zu einem Parkplatz mit Zeltplatz und wir beschlossen, unsere Zelte dort aufzuschlagen und am nächsten Morgen in die Stadt zu gehen.

Jessen hielt es aber dann doch nicht auf dem Zeltplatz aus. Er beschloss gleich in die nächste Stadt, Hiawassee N.C., zu trampen und ein paar Dinge zu besorgen. Nach einer knappen Stunde war er wieder zurück mit einem Pack Bier, einem gegrilltem Hähnchen, das ungelogen knapp zwei Kilo schwer war, “Kartoffelsalat”, der mehr Matsch als Salat war, und Nudelsalat. Außer der Verpackungen und den Knochen war schon nach zehn Minuten nichts mehr von dem Essen übrig.

How to: So schützt du deinen Proviant vor Bären

Als es zu dämmern begann, beschlossen wir, eine sogenannte “Bear Bag” aufzuhängen. Obwohl wir direkt neben der Straße zelteten, zogen wir meine McKinley-Tasche an einem Baum hoch und brachten unseren Proviant damit in Sicherheit. Und so funktioniert’s: Man befestigt einen Stein an einem Seil, wirft das dann über einen Ast und zieht so seine Lebensmittel, inklusive Zahnpasta und Co. in einem Sack verpackt so weit nach oben, dass kein Bär mehr herankommt.

Ein paar Stunden später stellte sich dann auch schon heraus, dass wir richtig gehandelt hatten: Nachts hörte ich nämlich ein Schnaufen um das Zelt herum. Ich rief nach meinem Zeltnachbar, aber der schlief tief und fest. Morgens dann die Gewissheit: Da waren tatsächlich Bärenspuren vor meinem Zelt und der Baum, an dem unser Essenssack hing, war sichtlich beschädigt. Unsere Lebensmittel waren aber noch da und auch wir haben die Nacht unversehrt überstanden – also alles richtig gemacht. Fortan war klar: Abends wird immer eine Bear Bag aufgehängt!

Die folgenden zwei Nächte verbrachten wir allerdings erst einmal in einem Budget In, einer sehr einfach gehaltenen Motel-Kette mit eigenem Bad, von denen es am Trail einige gibt.

Appalachian Trail

“Bear Bag” von McKINLEY

Unsere Trail-Namen

Eines Morgens konnte ich nicht loslaufen, weil meine Schmerzen in der Schulter einfach zu groß waren. Ich beschloss also, mir einen neuen Rucksack zu kaufen. Wir nahmen uns vor, jeden Tag 25 Kilometer zu laufen, schafften aber gerade mal acht.

Auf dem nächsten Campingplatz gesellte sich spät am Abend ein aus Hongkong stammender Chinese mit dem Trail-Namen Little Horse zu uns. Auch wir hatten bereits Trail Namen. Jessen nannte ich Downhill Dancer, weil er bergab sehr schnell war und immer Musik hörte. Ich habe den Namen Professor bekommen, weil ich alles Mögliche an Medikamenten und zur Reparatur von Gegenständen bei mir habe. Das gehört bei solchen Wanderungen einfach dazu.

Am nächsten Morgen starteten wir dann zu dritt und schafften zum ersten Mal die 25 Kilometer. Bis zum frühen Nachmittag brachten wir 18 Kilometer hinter uns. Dann erreichten wir das Natahala Outdoor Center mit Restaurant, Supermarkt und Outdoor-Laden. Das alles gehörte zur einer Freizeitanlage mit Rafting, Kanuanlage, Wildwasser-Kanal und so weiter – eine Partymeile für Outdoor-Freaks. Wir nutzten die Gelegenheit, Pizza zu essen und mal etwas anderes als Wasser zu trinken.

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“Ein sichtlich erboster Mann drohte mir mit der Polizei”

Little Horse machte im Outdoor-Laden noch ein paar Besorgungen. Als er zurückkam, erzählte er uns, dass er sich dort auch gleich für den Smoky Mountains Nationalpark registriert und die 20$ Dollar für das Visa bezahlt hatte. Jessen bot an, uns ebenfalls anzumelden. Währenddessen wollte ich noch eine neue Wasserflasche holen. Ich tausche die Flaschen immer aus, wenn ich die Möglichkeit habe. Außerdem brauchte ich noch Schokolade, die ich ehrlich in Unmengen zu mir nehme – mindestens 150 Gramm am Tag.

Wieder zurück war ich stinksauer. Jessen hat nämlich nur sich angemeldet. Also hingen wir noch eine Nacht fest, die wir außerhalb des Natahala Outdoor Centers am Fluss im Zelt verbrachten. Dort hatten wir unser Zelt einfach aufgebaut, obwohl es eigentlich nicht erlaubt war. Ein sichtlich erboster Mann in meinem Alter weckte mich nämlich am frühen Morgen und drohte mit der Polizei. Als er merkte, das ich Deutscher war, wendete sich das Blatt. Er erzählte, dass er in Ramstein beim Militär war und Deutschland so toll gewesen sei. Am Ende bat er uns lediglich, alles sauber zu verlassen. Aber das macht hier sowieso jeder. Ich habe auf dem ganzen Trail noch kein Papierchen auf dem Boden entdeckt.

An diesem Morgen beschloss ich: Ich laufe alleine weiter und zwar schnellstmöglich. Aber zunächst musste ich noch mit nach Fontana Dam. Jessen und ich hatten dort noch eine gemeinsame Maildrops, die an Jessen gerichtet war. Dort ging allerdings auch der Smoky Mountains Nationalpark los.

Die erste Schlange in den Smokys

Ich meldete mich also auch noch für die Smokys an, was in 15 Minuten erledigt war. Little Horse und ich waren startklar, nur Jessen fehlte. Wir warteten eine gefühlte Ewigkeit und kamen erst irgendwann vor Mittag los. Die nächsten Tage lief jeder sein eigenes Tempo, was ich sehr genießen konnte, obwohl mir die monotone Landschaft schwer zu schaffen machte.

Dafür wurde ich aber mit der ersten Schlange belohnt, die meinen Weg kreuzte. Das machte den Tag gleich besser. Kurz darauf fing es an, zu regnen – und es hörte die nächsten 17 Stunden nicht wieder auf. Diese Zeit verbrachte ich meinem Zelt. Mein Zelt hielt dicht, meinen Sachen waren trotzdem klamm. Als es aufhörte, war Little Horse verschwunden.

Schlange Appalachian Trail

Ja, auf diesem Bild siehst du die Schlange

Jessen war noch da, wir packten unsere Sachen zusammen und machten uns auf den Weg. Nun begab ich mich auf die letzte Etappe nach Fontana Dam. Der Regen begleitete uns. Jessen uns ich liefen getrennt – jeder in seinem eigenen Tempo. Abends trafen wir uns wieder, damit keiner alleine im Wald schlafen musste. So machten wir es dann auch in Fontana Dam. Nur, dass wir dort ein Zimmer hatten. Dort wurde uns berichtet, dass es im Smoky Mountains Nationalpark geschneit hatte und das war vom Hotel aus auch nicht zu übersehen. Am Abend sollte noch mehr Schnee fallen. Wir blieben also noch eine Nacht.

Am nächsten Morgen gab es für Jessen, der ja aus Tampa, Florida kommt, kein Halten mehr: Er hatte noch nie Schnee gesehen. Also ab, zurück in die Smokys.

 

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Stefan Ungerer

Stefan Ungerer

Stefan Ungerer, plus Fünfziger, ist gelernter Schreiner und Einrichtungsberater. Er liebt gutes Essen und in der Natur zu sein - ob beim Wandern oder beim Angeln.

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