Kilometer 12 bis 110: So war die erste Woche auf dem Appalachian-Trail

Über einen Monat ist es nun schon her, dass sich unsere Kollegin Chris von ihrem Mann Stefan verabschieden musste. Während sie jeden Tag zur INTERSPORT fährt, sich um Hund und Heim kümmert, läuft er durch die Wildnis in den USA. 3.500 Kilometer hat er sich vorgenommen – er will den gesamten Appalachian-Trail bezwingen. Nach seinen Startschwierigkeiten berichtet er nun von seiner ersten Woche auf dem Trail.

Montagmorgen um 8.00 Uhr zur Post – Verpflegung und Ausrüstung vorausschicken. Mit den Postgepflogenheiten der USA tat ich mich (wie erwartet und befürchtet) sichtlich schwer… bis sich Karin, die schon Jahrzehnte in der USA wohnt und ursprünglichen aus Augsburg ist, an meine Seite stellte und mir dann erklärte: “Um ein Päckchen zu verschicken, brauchst du einen Wohnsitz in der USA.” Na super! Sie managte zum Glück alles und bot mir an, mich im Hotel abzuholen und mich zu meinem Ausgangspunkt zu fahren. Wir machten noch ein paar Bilder von uns und von meinem Start und los ging’s. Somit ist Karin mein erster “Trail Angel”.

Zuerst ging es ganz gediegen los, bis ich dann vor 150 Treppenstufen aus Metallrost stand, die an den Amicalola Falls entlangführen. Es folgen weitere 454 Erd-Stein-Wurzel Stufen und acht Kilometer Fußmarsch. Als ich dann an dem ersten Shelter ankam, kaputt wie eh und je, stellte ich noch mein Zelt auf und ging schlafen. Total durchgefroren krabbelte ich nach über zwölf Stunden aus meinem Zelt und wünschte mir nichts sehnlicher als ein heißes “Voltaren”-Bad. Mir tat alles weh.

Ich versuchte, langsam in die Gänge zu kommen, machte noch ein paar Bilder von meinem ersten Shelter. Sehen kannst du auf den Fotos auch das Privy, das Plumpsklo, dessen Benutzung mich sehr viel Überwindung kostete.

15% brechen bereits am Startpunkt ab 

Dann ging es endlich los zum eigentlichen Startpunkt: Springer Mountain Southern Terminal USA. Auf dem Weg dorthin kam mir ein Paar entgegen, das am Tag zuvor mit mir gestartet war. Sie sagten, sie brechen ab. Tatsächlich ist es so, dass 15% am Springer Mountain abbrechen und weitere 20% nicht aus Georgia hinauskommen. Das habe ich allerdings nicht vor.

Nach acht Meilen, das sind knapp 13 Kilometer, war trotzdem Schluss für diesen Tag. Zelt aufbauen, obwohl es noch taghell war. Meinem Körper war die Uhrzeit völlig egal. Ein weiterer Abend, eine weitere Nacht, wieder über zwölf Stunden liegend im Zelt bei null Grad Celsius und starkem Wind. Bis ich am nächsten Morgen alles zusammengepackt und das Zelt abgebaut hatte, hatte ich kein Gefühl mehr in den Fingern und die Handschuhe waren von der Kälte so hart und kalt, dass auch diese keine Option waren. So trottete ich mit meinem Rucksack beladen wie ein Esel weiter bergauf und ab.

Um die Mittagszeit setzte ich mich an den Wegrand. Dort gesellte sich kurz darauf Jessen, geschätzt 30 Jahre alt aus Tampa/Florida, zu mir. Nach kurzem Smalltalk wie kalt es war, beschlossen wir, den Rest des Tages zusammen zu bestreiten. Am folgenden Morgen machten wir uns zusammen wieder auf den Weg. Im Laufe des Tages sagte Jessen, es soll wohl in der folgenden Nacht ein starkes Gewitter geben und so war nach kurzer Überlegung klar: Wir gehen über Nacht ins Hostel nach Suches – das ist eine Kleinstadt in Georgia.

Die Entscheidung: Bett oder Belohnung?

“Never more Suches”– das einzige Hostel dort war eine Tankstelle. Eine Tankstelle mit einem Laden, in dem es kalten Getränke gibt. Ich lief sofort zum Kühlschrank, um Bier zu holen – darauf hatten wir uns schon den halben Tag gefreut. Jessen wollte solange an der Kasse das Zimmer klar machen. An der Kasse angekommen, erklärte uns die Besitzerin allerdings, dass wir uns zwischen dem Bier und dem Zimmer entscheiden müssten. Ich stellte die Getränke zurück und bezahlte 30$ für das Bett.

Als ich das Zimmer sah, traf mich fast der Schlag: Der Raum war statt einer Türe nur mit einem Vorhang abgetrennt, dahinter befanden sich drei Stockbetten für insgesamt sechs Personen – zusammengeschraubt aus Nadelholz und Holzplatten. Keine Matratzen oder sonst irgendetwas. Mehr gibt es nicht über das “Hostel” zu sagen… 

Nach einer Nacht in einem bisschen besseren Zelt ließen wir uns morgens um 8 Uhr wieder zu dem Punkt bringen, an dem wir am Tag zuvor ausgestiegen waren. Gewitter gab es übrigens keines in dieser Nacht, erst in der folgenden. Wir überstanden es – wie es sich für richtige Wanderer gehört – trocken im Zelt. So verging ein Tag nach dem anderen.

Am Ostersonntag kamen wir um die Mittagszeit an einem Parkplatz vorbei, auf dem mehrere Tische mit Obst, jede Art von Süßigkeiten und Getränken für die “Truehiker” für umsonst bereitstanden. Das war meine erste Begegnung mit der sogenannten “Trailmagic”. Wir stopften über eine Stunde lang alles Erdenkliche in uns hinein bevor wir wieder im Wald verschwanden.

Montags liefen wir über 20 km mit dem klaren Ziel vor Augen: Eine Nacht im Zelt zu schlafen und uns am nächsten Tag einen Nero und am darauf folgenden einen Zero-Tag zu gönnen. An einem Nero-Tag macht man nicht viel und an einem Zero-Tag am besten gar nichts… und so bin ich jetzt zwei Nächte im Holiday Inn in Hiawassee Georgia bevor ich mich am Donnerstag dann wieder auf den Trail begebe.

 

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Melanie Melzer
Melanie ist Content Managerin in der INTERSPORT Digital Unit. Ihre große Leidenschaft ist es, die Welt zu bereisen. Genau das hat sie auch 2 Jahre lang getan. Über ihre Erlebnisse berichtet sie auf ihrem Blog "travel2eat.de".
Melanie Melzer

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  1. Frank Angst says:

    Hallo Stefan du alter Haudegen, nachdem ich halb intersport durchtelefoniert habe,hatte ich endlich deine Frau an der Strippe, die mir dann denn Link zu deinem Blog gab. Übrigens die kommt ja total nett rüber. Habe den Link gleich abgespeichert und natürlich gelesen was du geschrieben hast. Was ich nicht verstanden habe wieso muss mann zw. Bier uns Bett entscheiden, warum geht nicht beides. Okay in good old Germany hat man auch das Bier zuerst und dann zum Glück das Bett. Das Klo fand ich super aber immerhin hatte es Haltgriffe. Werde deinen Blog auf jede Fal weiterverfolgen. Eins kann ich dir sagen: es kann nur noch wärmer werden. Wünsch dir weiterhin gutes Gelingen und jede Menge Trial Angels.
    Grüße aus dem wärmeren Kraichgau
    Frank der Gipser

  2. Karin Murdock says:

    Stefan, ich war fuer 2 Wochen in Augsburg auf Besuch und hab bei jeder Butter Bretze an Dich gedacht. Als Deutsche in Amerika, weiss ich wie die einem abgehen. Wie vorher, wir hier in Dahlonega verfolgen Deine Berichte und wuenschen Dir weiterhin alles, alles Gute auf Deinem Abenteuer! Toi, toi, toi, Karin

  3. Peter Werger says:

    Hi Stefan,
    hab heute mit Chris gesprochen und mich gefreut zu hören, dass es dir gut geht.
    Wie die Zeit vergeht.. es sind schon 2 Monate..
    Freue dich auf wärmere Zeiten und “keep on walking & smiling”.
    Gruß
    Peter

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